Reisebericht, Oktober 2011
Trichterförmig
Deutschland hat uns
wieder zurück. Die Rumänienreise in diesem Herbst liegt hinter uns. Wir waren
nur in kleiner Besetzung unterwegs, also zu viert und nur mit einem
Transporter. Reich gefüllt mit Eindrücken, Erlebnissen und Dankesgrüßen sind
wir am Sonntag, den 6. November, morgens gegen 1.00 Uhr zu Hause angekommen,
gesund und dankbar dafür, dass die Reise ohne Unfall oder Krankheit hinter uns
liegt. Das Zurückschauen ist wichtig und weitet den Blick ins Heute und nach
vorn. Viele Freunde unserer Aktionen aus Nah und Fern gaben uns Halt, Ansporn
und Kraft das zu tun, was zu tun war. Gebete haben getragen und geführt, nicht
nur uns, sondern auch diejenigen, mit denen wir zu tun hatten.
Start unserer Reise war
am 26. Oktober. Da die ungarische Autobahn bis Mako, kurz vor dem rumänischen
Grenzübergang, schon gut ausgebaut ist und wir in Temeswar sowieso erst am
Abend einen Parkplatz bekommen, starteten wir erst um 5 Uhr morgens. Österreich
empfängt uns mit Regen und mit einer Gewichtskontrolle. Nicht die Fahrer wurden
gewogen, sondern das Fahrzeug. Das Herz rutschte vor Schreck tiefer und der
Magen wird plötzlich auch mächtig schwer. Der kontrollierende Uniformierte
scheint beim Blick auf die Wiegeanzeige lange zu überlegen. Dann kontrolliert
er die Vignette und winkt uns freundlich durch. Geschafft!! Möbel, Nachtstuhl,
Lebensmittel, Werkzeuge, Schulranzen – natürlich vollgepackt, Hygieneartikel,
Kleidung, Schuhe und manches mehr rollt mit uns Richtung Osten. In Ungarn grüßt
die Puszta, nur um Budapest herum erheben sich einige Berge um dann sofort
wieder ins flache Land überzugehen. Noch einige Stunden und beim
Sonnenuntergang erreichen wir Rumänien, in uns beginnt die Sonne aufzugehen.
Noch gut eine Stunde Fahrt und wir stehen in Temeswar vor dem Pfarrhaus.
Der Motor läuft noch,
als Pfarrer Kovacs herunter kommt, um zu sehen, wo wir bleiben. Die Erfahrung
lehrt, dass es gut ist das Auto gleich auszuladen. Es wird sortiert und jeder
Station das entsprechende Gepäck zugeordnet. In der Wohnung angekommen, ist
jeder schnell zu Hause. Wir werten die Fahrt aus und erkundigen uns, wann wohl
die rumänische Autobahn fertig sein würde. Am 12. Dezember ist die Übergabe
geplant, das Jahr steht aber noch nicht ganz fest, so meint der Pastor lachend.
Ein kurzer Willkommenstrunk ist ein Ritual, dem sich keiner entzieht. Wir
planen die nächsten Tage bevor wir nach dem Abendessen in die Kissen sinken.
Noch sprudelt der große Springbrunnen und ein Rudel streunender Hunde macht
sich vor unseren Fenstern lautstark zu schaffen. Man tut gut daran, ihnen
allein nicht zu nahe zu kommen. Die Unfallstatistik des Landes durch Hundebisse
dieser streunenden Rudel hat in diesem Jahr einen neuen Rekord erreicht.
Irgendwann ist der Schlaf stärker und bringt die letzten Gedanken in uns zur
Ruhe.
Der Donnerstag beginnt
in der Stadt mit der Suche nach Düsen für Pfarrers Gasherd. Der will nicht mehr
so wie er soll. Es ist schon der dritte Versuch, der jetzt auch am falschen
Gewinde scheitert. Wir entschließen uns, nicht länger nach Düsen zu fragen und
kaufen einen neuen Herd. Beim alten wurde die Scheibe des Backofens nur noch
mit zwei abgeschnittenen Korken an der entsprechenden Stelle gehalten und das
Problem der ausbleibenden Flammen war sicher keines der Düsen. Viele Hühnchen
hat der alte Herd schon für uns gegart und noch so manches mehr, er soll nun
seine Ruhe haben, finden wir, und die Hausfrau freut sich. Der autorisierte
Monteur macht noch Probleme wegen seines Termindrucks, doch nur er darf den
Herd in Betrieb setzen. Wir verabschieden uns und hoffen. Am nächsten Abend
kommen das ganze Presbyterium und einige Freunde zum gemeinsamen Abendessen.
Hoffentlich kommt der Monteur vorher, sonst wird es schwierig.
Bei Frau Alice sind wir
zum Besuch angemeldet. Seit vielen Jahren gehört sie dem Gemeindevorstand an.
Vor einigen Jahren besuchte sie unsere Gemeinde gemeinsam mit dem Presbyterium.
Wir erfahren, dass sie kaum noch auf die Straße kommt. Vor einem großen Haus
halten wir. Sie bewohnt eine kleine Wohnung im Keller. Nur wenig Tageslicht
bahnt sich den Weg vom Hof durch die Schächte vor den Fenstern in das Zimmer. Die
tonnengewölbte Decke macht es nicht gemütlicher. Der Hauseigentümer hat nach
der Revolution das Haus wieder zurückbekommen und ist in ihre Wohnung eingezogen.
Sie konnte zwar bleiben, aber eben hier unten. Vor mehr als einem Jahr war sie
gefallen und das hat ihrer künstlichen Hüfte gar nicht gut getan. Sie hat diese
Operation vor vielen Jahren machen lassen, aus Ungern kam damals die Prothese
für vierzigtausend D-Mark. Da sie als Ingenieurin gut verdient hatte, konnte
sie das damals bezahlen - sie musste, trotz lebenslanger Einzahlung in die
Krankenversicherung. Zu kaufen gab es im damaligen Rumänien sowieso kaum etwas.
Jetzt ist in der Prothese alles locker, es drückt und reibt. Sie ist dankbar,
dass sie regelmäßig Besuch aus der Kirchgemeinde bekommt. Mit viel
Überredungskunst ist sie nach dem Sturz immer wieder aufgestanden und hat das
Laufen neu gelernt. Sie hofft, dass der günstige Mietvertrag im nächsten Jahr
nochmals verlängert wird, aber sicher ist in dieser Zeit gar nichts mehr, meint
sie. Die Medikamente kosten fast die ganze Rente. Einen Kaffee und etwas Gebäck
hatte sie vorbereitet. Sie erzählt und klagt nicht. Wir verabschieden uns nach
fast einer Stunde.
Auf uns warten die
Walser-Mädels, erfahren wir. An einem Block klingeln wir und schon geht die Tür
auf. Beide sind um die neunzig, die Resi darüber und die Rosel kurz davor.
Jeder hat die Walsers früher hier in der Fabrikstadt gekannt. Sie erzählen aus
ihren Leben, als wären sie noch gestern angestellt gewesen. Einmal im Jahr
kommen der Sohn und der Enkel aus Deutschland zu Besuch. Sie schwärmen von der
Hilfe, die sie durch die Kirchgemeinde bekommen. Jede Woche wird sauber gemacht
und auch sonst tut das Gespräch immer gut.
Wir fahren zu Anna.
Hinten im Auto unter dem Herd liegen, noch verpackt, die mitgebrachten Möbel.
Anna ist körperbehindert und absolviert das letzte Jahr des Lyzeums. Ihre
sprühende Lebensfreude hat sie, den Telefongesprächen und E-Mails nach zu
urteilen, nicht verloren. Erst vor wenigen Wochen ist sie mit ihrem Bruder,
ebenfalls noch Student, in eine andere Wohnung umgezogen. Diese ist billiger
und so kommen sie besser zurecht. Die Mutter arbeitet im 500 Kilometer entfernten
Brasov und kann nur gelegentlich kommen. Es ist nicht einfach alles zu schaffen
und das Licht am Ende des Tunnels eines einfachen rumänischen Lebens ist nicht
sonderlich hell. Eigentlich hatten die Ärzte Annas Leben vor über zehn Jahren
schon aufgegeben, aber sie ist die Lebenslust in Person. Auch heute empfängt
sie uns mit strahlenden Augen, nicht wegen der Mitbringsel. Die
Wohnungseinrichtung ist so, wie am Telefon beschrieben. Neben der Matratze auf
der Erde stehen ein kleiner alter Schreibtisch und ein Stuhl. Sie lebt aus
Kartons. Die Küche verfügt über einen dunkelgrün gestrichenen Kühlschrank aus
Zeiten, in denen Energieeffizienzklassen noch lange kein Thema waren. Daneben
gibt es noch eine dunkelbraun gestrichene Kommode. Während sich die eine
Brigade um die Eckbank und den Tisch in der Küche kümmert, versucht sich die
zweite Truppe mit dem Aufbau des Kleiderschrankes. Letzteres stellt sich
schwieriger dar als gedacht. Aus den noch gut verklebten Kartons eines Erfurter
Möbelhauses werden die Teile sortiert, aber irgendwie ist die dritte Tür nicht
auffindbar. Dafür gibt es aber eine zusätzliche Zwischenwand, die wirklich
niemand braucht. Im Land der Improvisationen aufgewachsen, wird doch mindestens
so etwas Ähnliches wie ein Kleiderschrank zusammengebaut, das fünfte Seitenteil
bleibt als Rest in der Ecke stehen. Das Bett bereitet weniger Probleme,
mindestens aber genauso viel Freude. Anna lässt sich darauf fallen und kann es
noch nicht so richtig glauben. In der Küche gibt es, auf der neuen Bank
sitzend, von ihr frisch gebackenen Kuchen. Wir verabschieden uns, denn eine
Sozialpädagogin wartet im Pfarrhaus auf uns zum Gespräch. Noch lange sehen wir
Anna mit ihrer Freude vor uns. Haben wir ihr doch nur überbracht, was uns
Freunde mit auf den Weg gaben und ermöglichten.
Am nächsten Tag fahren
wir nach Arad. Dort treffen wir eine Fachgruppe, die für Balanu eine
Sozialanamnese erstellt hat. Dieses im Frühjahr gestartete Projekt war jetzt
abzuschließen. Ein Teil der Unterlagen hat uns schon in Deutschland erreicht.
Nach gut zwei Stunden haben wir einen guten Konsens gefunden, der reale
Möglichkeiten zu nachhaltiger Hilfe aufzeigt. Gefördert durch die EKM und die
Aktion „Hoffnung für Osteuropa“ der Diakonie stehen im Ergebnis dieser
Sozialstudie klare Aussagen. Sie veranschaulichen deutlich den sozialen Status
des Bergdorfes und deren Bewohner. Eine Aussage belegt, dass man im Dorf über ein
durchschnittliches monatliches Pro-Kopf-Einkommen von 28 – 45 Euro verfügt und
sich vierzig Prozent der Häuser in einem „Slum-ähnlichen Zustand“ befinden. Die
Tatsache, dass doch eine gute Anzahl der Bewohner im Sommer im Ausland in der
Ernte arbeiten, zeigt auf, wie viele der Menschen ohne ein Minimaleinkommen leben
müssen. Die Studie präsentiert meist nüchterne Zahlen. Aber sie sind schon wichtig,
um die Ursachen für solche Verhältnisse zu finden. Daran anzuknüpfen und neue
Wege für eine nachhaltig gute Entwicklung zu finden, wird die Aufgabe in
Zukunft sein. Einiges auf dieser Strecke ist vorbereitet und wir sind
ausgesprochen dankbar, mit diesem Projekt neue Perspektiven für und mit den
Menschen zu sehen. Erst wenn uns die Menschen wirklich am Herzen liegen, macht
es Sinn, mit ihnen zusammen nach Lösungen zu suchen. Mit einem Teil der Gruppe
verabreden wir einen Termin in Balanu, bevor wir auseinander gehen.
Am Abend treffen wir
uns zum Essen mit den Mitgliedern des Gemeindekirchenrates und Freunden. Der
Tisch ist so lang wie das Zimmer und das Zimmer ist ziemlich lang. Der neue
Herd hat seine Feuerprobe wahrhaft bestanden und der Gulasch war schneller
fertig als früher, dank der größeren Flammen. Es gibt viel zu erzählen. Es war
eine tolle Atmosphäre, stellen wir hinterher fest. „Wer Freunde hat, hat
Freude!“, so hat es Pfarrer Kovacs vor vielen Jahren kurz vor unserem
Eintreffen an seine Tür geschrieben. Das hat sich bis heute nicht verändert.
Der nächste Tag führt
uns nach Jimbolia in das kleine Kinderheim. Bei unserem Besuch im Frühjahr sah
es für den Fortbestand des Heimes und damit für die zwanzig Kinder gar nicht
gut aus. Die Kinder begrüßen uns freudig und lassen uns schon im Hof nicht mehr
los. Piroska, die Leiterin, bittet uns um ein wenig Geduld. Wir spielen mit den
Kindern. Einige Bäume liegen im Hof, mehr als einen halben Meter im
Durchmesser. Es ist das Feuerholz für den Winter. Ein größerer Junge macht es
klein. Sein kleiner Bruder ist hier und deshalb hilft er. Selber arbeitet er
als Kfz-Mechaniker, der Vater ist verstorben, die Mutter…? Crista ist jetzt 12
und leidet an psychischen Störungen. Ihre Mutter hat sich, seit dem sie das
Mädchen im Heim abgab, nicht wieder gemeldet. Das ist jetzt länger als vier
Jahre her. Mehr Fragen als Antworten haben hier alle Kinder.
Piroska ist mit der
Küche fertig und bittet uns herein. Einiges hat sich verändert und sehr
erleichtert erzählt sie uns, dass nur noch ein Ofen und eine Eingangstür zu
erneuern sind, bis die endgültige Betriebserlaubnis erteilt wird. Deutlich
steht ihr die Freude ins Gesicht geschrieben. Im Frühjahr war alle Hoffnung
diesbezüglich verflogen. Sie weiß, dass menschlich Unmögliches möglich wurde,
für das Heim mit den Kindern und für sie persönlich. Die vorbereitete Summe
wird die ausstehenden Umbauten ermöglichen, sie findet kaum Worte zum Dank. Die
Kinder helfen beim Ausladen der Kartons und Säcke mit Schuhen, Winterjacken,
Bettwäsche, Spielzeugen und Süßigkeiten. Der absolute Knaller ist ein Keyboard
einer unserer Mitreisenden. Mindestens zehn Hände bearbeiten es gleichzeitig. Beim
Abschied ringt Piroska immer noch nach Worten um auszudrücken, wie froh sie
ist, uns zu kennen. Es geht zurück nach Temeswar. Nicht ausgesprochene Worte
erzählen Geschichten, die uns bewegen.
Der
Sonntagsgottesdienst in und mit der Gemeinde rundet die Tage in Temeswar auch
dieses Mal ab. Vieles haben wir wieder erlebt und gehört. Ein gutes und
gemeinsames Fundament zu haben und das auch dieses Mal in vielen Gesprächen zu
erfahren, stärkt jeden von uns neu. Es ist nicht immer leicht froh zu sein
inmitten von Schwierigkeiten, die uns alle umgeben. Doch die Hoffnung auf den
der trägt, macht uns Mut, immer neu aufzusehen. Darum wissend verabschieden wir
uns und fahren Richtung Hunedoara.
Das schöne Wetter der
letzten Tage lässt uns auch auf der Fahrt nicht im Stich. In den Dörfern
herrscht Sonntagsruhe, dafür leisten sich die Autofahrer eine Kapriole nach der
anderen, insbesondere beim Überholen. Nach etwas mehr als drei Stunden stehen
wir bei Familie Varga auf dem ehemaligen Schießplatz. Wir hatten telefoniert.
Ein Nachbar hat ihnen erlaubt, seinen Strom anzuzapfen, deshalb ist es in einem
der drei kleinen Räume noch hell. Die Kinder werden größer, vielleicht scheint
es deshalb etwas enger. Lebensmittel, Schuhe und Winterkleidung machen
glücklich. Aber nicht nur deshalb sind sie freundlich. Sie strahlen etwas aus,
was in so einer Umgebung ungewöhnlich ist. Aufgeschlossen erzählen sie vom
Sommer. Maria, die Mutter, freut sich über die Küchengeräte in einer der
Bananenkisten. Das erste Mal wird sie jetzt bügeln können oder einen Mixer in
der Hand halten. Ein Kostenzuschuss für das Notwendigste, Schulmaterial und ein
Federbett bleiben noch da. Sie winken uns nach, bis unser Auto für sie im
Dunkeln verschwindet. Hell bleibt es in ihnen weiter, nicht nur wegen der
Glühbirne an der Decke und den Kartons in der Küche. Ihr Glaube trägt sie,
vielleicht haben wir sie deshalb dort oben gefunden.
Bei Familie Filip und
bei Adriana bleiben wir über Nacht. Lange war das nicht mehr möglich gewesen,
sie freuen sich darüber. „Immer habt ihr hier ein Bett.“ Wir hören es bei
Adriana am gedeckten Tisch, uns entschuldigend, dass wir uns ein halbes Jahr
nicht gemeldet hatten. „Macht nichts, immer seid ihr willkommen.“ Wir genießen
ihre schon berühmten gefüllten Eier und so manche andere Köstlichkeit. Bei
Familie Filip dauern die Gespräche noch einige Stunden. Das letzte Jahr war
schwieriger als die letzten zwölf. Die Preissteigerungen sind kaum abzufedern,
da Alexandru wieder seit langer Zeit keine Arbeit mehr hat. Eine Schnittwunde
an drei Fingern bei der Frau hat mächtige Löcher gerissen. Nur weil die Kinder,
die in England Arbeit gefunden haben, Geld geschickt hatten, konnte die Wunde
behandelt werden. Wir konnten es überall beobachten, wie die Preise gestiegen
sind. Monica hat das Lyzeum absolviert und sucht einen Ausbildungsplatz, Lavinia
und Julian, der Sprössling, gehören zu den Besten ihrer Klasse. Es tut ihnen
gut, alles mal wieder los zu werden und sich unterhalten zu können. Wir spüren
wie wichtig ihnen das Gespräch ist. Den Schulbesuch im Dorf müssen wir aus
Zeitgründen ausfallen lassen. Familie Filip wird die Schulmaterialien,
Spielzeuge für den Kindergarten und die Tüten für die Kinder dort abgeben.
Nach dem Frühstück am
nächsten Morgen bei Filips geht die Reise weiter ins Retezatgebirge. Schon bald
sehen wir den Neuschnee oben auf den Gipfeln der Zweitausender. Ohne viel
Gepäck anzukommen ist für uns ungewöhnlich, doch der LKW mit der Ladung für das
Dorf wird erst im Dezember fahren. Cristina und ihre Familie erwarten uns. Die
Kinder sind noch in der Schule, es ist ungewöhnlich ruhig auf der Straße. Wir
gehen eine Runde. Merklich hat sich das Dorf verändert. Einige der Hütten
stehen nicht mehr, dafür wachsen die Häuser aus Gasbetonsteinen. Adi grüßt uns
von der Baustelle. Er ist einer derjenigen, die im Sommer in unserer Nähe zur
Kirschernte angereist waren. Er hat es verstanden, dass es gut ist, sein Geld
so zu investieren und er ist nicht der Einzige. Sie lernen Verantwortung zu
übernehmen und beginnen Neues. Das Dorf verändert sich zusehends. Der Tag
verläuft ruhig. Wir besprechen einige Arbeiten für die nächsten Tage, es ist
überschaubar und beginnen mit Kleinigkeiten. Die Kinder kommen aus der Schule
und begrüßen uns lautstark. Die für sie „Zuständigen“ kennen ihren Job und tun
ihn gern. Es gibt Regeln und das lernen die Kinder jetzt. Nicht allen fällt es
gleich leicht, aber das ist wie im Leben.
Aufgrund der schon seit
Monaten anhaltenden Trockenheit ist die Wasserleitung so gut wie leer. Wir
wollen sehen, ob es wirklich nur an der Trockenheit legt und ziehen in die
Berge. Zwei Kilometer weiter wird das Wasser einer Quelle aufgefangen und
sammelt sich in einem Rohr. Das Desaster dieses Systems zeigt sich in der
Tatsache, dass das Wasser, sollte es den Weg ins Rohr gefunden haben, unten im
Sammelbehälter, der den Druck für das Dorf produziert, kaum noch ankommt.
Unterwegs sehen wir einige Male die oberirdisch verlaufende Rohrleitung. Es
gräbt sich eben schlecht im Fels. Physikalische Gesetze funktionieren in Rumänien
genauso wie anderenorts – irgendwo läuft das Wasser weg. Auch deshalb gibt es
eben seit Monaten kaum noch Wasser. Bleibt zu hoffen, dass sich Verantwortliche
finden, die solche Installationen überarbeiten.
Schon vor unserer Reise
war klar, dass neben einigen praktischen Arbeiten am Strom und an Möbeln
Inhalte zu diskutieren und zu besprechen sind. Die Vereinsarbeit, das
Sozialprojekt, die Arbeit mit den Kindern und vieles mehr warten auf
Auswertung. Damit sind für einige von uns die nächsten Tage gefüllt. Da die
Tage nicht reichen, geht es in den Nächten weiter und nicht nur einmal stand
der kleine Zeiger hinter der Zwölf. Alles, was sich ein halbes Jahr lang angesammelt
hat, nicht nur an materiellen Dingen in Form von Spenden, sondern vor allem an
Gedanken und Ideen, wird jetzt gebündelt. Dazu kommen die Ausarbeitung der
Sozialanamnese mit ihren Hilfeplänen für die Familien, die Ergebnisse mehrere
Arbeitsbesprechungen in Arad und in Temeswar und natürlich die Notwendigkeit
der praktischen Umsetzung, vor Ort und mit den Menschen. Alles so komplex
gesammelt, ergießt sich gleich einer Masse in einen weiten Trichter, um in den
wenigen Tagen kanalisiert abgefüllt oder platziert zu werden. Manchmal scheint
es das Fassungsvermögen zu sprengen. Vorgeschlagenen Maßnahmen und Ideen ein
Gesicht zu geben ist nicht immer leicht und wir müssen darauf achten, dass nur
so viel in den Trichter gefüllt wird, wie er auch an entsprechender Stelle
ablaufen lassen kann. Wir merken, wie sich da ein Druck aufbaut. Doch es ist
besser zu kanalisieren als alles weit zu zerstreuen.
Was heißt das? In dem
letzten halben Jahr haben viele Mithelfer versucht, die begonnen Projekte in
Nachhaltigkeiten zu überführen. Jetzt muss verstanden, konkretisiert,
formuliert und beschlossen werden. Wir haben nur wenige Tage Zeit und das
erhöht den Druck. Manches scheint über den Köpfen zusammen zu brechen. Während
wir uns noch vor wenigen Jahren über den Platz von Schaltern und Steckdosen, um
Raumverteilung und Einrichtung beraten haben, sind es heute Inhalte, die den
Dorfbewohnern verständlich gemacht und nahe gebracht werden sollen. Wie kann
außerschulische Nachhilfe regelmäßig organisiert werden, wenn niemand da ist?
Wer irgendeine Arbeit findet, ist manchmal tagelang unterwegs. Dazu sitzen
Cristina, ihr Mann und weitere vier Erwachsene nachmittags meist in Hunedoara
in einer Schule, um ihren Abschluss zu erwerben. Jede Aktivität im Haus
erfordert hinterher eine gründliche Reinigung der Räume. Wir geben nicht auf
und gehen einen Punkt nach dem anderen durch. Es dauert Tage und Nächte. Wir
rechnen, überlegen, verwerfen und finden neue Ideen. Immer rein in den Trichter
und aufpassen, dass nichts verstopft. Wir legen Ordner und Hefte an, verteilen
einzelne Aufgaben, binden Jugendliche mit ein. Donnerstagabend steht der Plan
und alle sind einverstanden und zufrieden. Wir treffen uns in der Schule mit dem
Lehrersind und unterhalten uns mit ihm über Nachhilfe für die Kinder. Er will
gerne zuarbeiten.
Ein Teil der Gruppe
probiert in der Küche mit den Kindern den neuen Fleischwolf aus, der dank
Zusatzgerät, Plätzchen heraus befördert. Gas haben wir gekauft und so gelingt
es sogar, dass einige der Plätzchen selbst ohne Kakaozusatz schön braun werden.
Aber der Zuckerguss macht alles wieder gut. Den Kindern hat das gefallen und so
bringen sie einige gefüllte Dosen zu alten Leuten nach Hause. Am Nachmittag
feiern wir mit den Kindern Gottesdienst. Sie singen, was die Kehlen an
Lautstärke hergeben, Liedhefte gibt es keine, die Texte sitzen. Im Anschluss
gibt es für alle Plätzchen. Noch eine kleine Runde führt uns durch das Dorf.
Immer wieder findet sich Gesprächsstoff. Jeder werkelt an seinem Haus. Es hat
sich verändert, das Dorf und deshalb auch die Menschen. Ein Junge zieht mit
zwei Eimern los um unten am Fluss Wasser zu holen. Wir gehen hinterher.
Unterhalb des Müllplatzes zeigt uns Angelut eine kleine Quelle, welche jetzt als
Trinkwasserstelle dient. Ganz in der Nähe lebt eine armdicke Schlange, erzählt
er, die schon oft gesehen wurde. Trotzdem gehen wir hin, denn es ist kühl,
zumindest jetzt gegen Abend. Im Sommer wühlen aber auch Kinder im Müll, leider
immer noch und immer wieder. Der Anblick des Müllplatzes und die Geschichten
lassen uns erschauern. Eine Familie lebt 30 Meter weiter mit zwei kleinen
Kindern. Der Vater war mit in der Kirschernte und hat jetzt Strom im Haus und
neue Platten mit etwas Isolierung rund herum.
Die neue
Stromverteilung bei Cristinas Eltern wird fertig geklemmt und in ihrer neuen
Küche gibt es bald Licht. Die neuen Küchenmöbel erhalten Griffe und werden so
lange ausgerichtet, bis alles passt. Wir schreiben Arbeitsanweisungen und
Pläne, nur der Drucker streikt. Eigentlich war für Freitag 10 Uhr die Abreise
aus Balanu geplant, doch erst um diese Uhrzeit hat der Bürgermeister einen
Termin frei. Pfarrer Kovacs und zwei Mitstreiterinnen stehen eine Minute vorher
vor seinem Büro, wir treffen uns dort. Gut, dass der Bürgermeister noch nicht
da ist. Uns bleibt Zeit, Dinge und Anliegen nochmals zu aktualisieren. Nach dem
Gespräch steht der Plan. Unser Verein „PRO-Balanu“ stellt Cristinas Mann Angelut
als Administrator ein. Damit ist er krankenversichert und erhält
Rentenansprüche, wenigstens sagt es so das Gesetz. Wir fahren nach Balanu
zurück und berufen kurzfristig eine Versammlung des Vereins ein. Der Drucker
ist inzwischen in der Stadt repariert worden und hat jetzt richtig zu tun.
Arbeitsanweisungen, Änderungen am Vereinsstatut muss er schwarz auf weiß
befördern. Alle Computer laufen und es wird hin und her geschickt, bis die Akte
voll ist. Unser Kopf droht auch bald zu platzen, doch es geht vorwärts. Alles
ist notiert und unterschrieben, unsere Zeit in Balanu ist um. Eine kurze
Essenspause lässt uns gemeinsam Luft holen. Die Abfahrt hat sich um sechs
Stunden verzögert, aber mit guten Ergebnissen. Cristina wird einige Wege zu
erledigen haben, aber ein neuer Weg ist gebahnt. Mit Hilfe des Vereins wird Angelut
eine Anstellung haben, den Kindern Nachhilfe geben, ein Waschprogramm für
einige Familien organisieren und manches mehr. Wir verabschieden uns, noch
aufgewühlt, aber doch beruhigt. Im Spiegel sehen wir, wie Cristinas Familie und
viele Kinder winken. Das Trichterprinzip hat funktioniert und jeder hat seinen
Teil abbekommen. Wir wollten helfen, dass die Menschen in Balanu eine Chance
für ein besseres Leben erhalten, das hatten wir uns vor 10 Jahren, als wir das
Dorf zum ersten Mal entdeckt hatten, vorgenommen. Vieles ist bis heute
gewachsen, was damals nur ein Traum war.
Ein letztes Abendessen
in Temeswar lässt uns dankbar auf die vergangenen Tage zurück blicken. Wir
waren weg von uns selbst und das hat uns gut getan. Die Rückreise verläuft zügig
und wir finden uns wieder. Wir sind dankbar für alles Erlebte und für das, was
uns viele Mitstreiter aus der Heimat zu tun ermöglichten. Zu Hause angekommen,
wohl bewahrt und gut geführt, erzählen wir langsam. Es fällt schwer, alle
Eindrücke wiederzugeben. Wir fühlen uns leer und entdecken von neuem den
Trichterrand, der ebenfalls leer ist. Es gibt gute Gründe, ihn wieder zu
füllen, mit Ideen, Kraft, Spenden und Gebeten. Nicht allen können wir helfen -
aber ihnen - die noch so nah in unserer Erinnerung sind. Alle, von denen wir
erzählt haben und viele mehr, lassen Sie herzlich grüßen und sie danken Ihnen
von Herzen.
Es grüßt Sie, auch im Namen unserer rumänischen
Freunde
Arbeitskreis Rumänien, Albrecht Feige
Spendenkonto: Evang.
Kirchgemeinde Neudietendorf, Stichwort
Rumänienhilfe